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Essen: Ein Leben für den Kaffee
Der 76-jährige Renato Ferrari in Dietikon ZH beherrscht noch
die hohe Kunst des Kaffeeröstens. Auf einer Anlage von 1895
entsteht ein besonders milder und bekömmlicher Caffè.
Text: Leandra Graf, Fotos: Armin Zogbaum
Ein starker Duft nach Kaffee empfängt die Autofahrer bereits beim
Passieren der Ortstafel von Dietikon. Nachbarn wissen es wohl: Es muss
Montag sein oder Donnerstag. An diesen Tagen wird bei Ferrari an der
Bremgartnerstrasse jeweils Kaffee geröstet. Und das seit 1895.
Es ist tatsächlich Montagmorgen. Renato Ferrari, 76, Inhaber der
ältesten und letzten Kaffeerösterei der Schweiz, in der noch mit Kohle
geheizt wird, steht neben dem glühenden Ofen bereit, um den Röstgrad
der Bohnen zu prüfen. Während einer halben Stunde zieht er immer wieder
eine Hand voll Bohnen mit dem Probenzieher ab und legt sie ins
Kühlsieb: «Das ist eine reine Augensache, die auf Erfahrung beruht.
Etwas, was man nicht erklären kann.» Ab und zu streicht er sachte mit
der Hand über die heissen Bohnen.
Ferrari ist in diesem Haus geboren und hat das Unerklärliche schon früh
von seinem Vater, einem Tessiner, mitgekriegt. Dieser betrieb die
Rösterei seit 1924, der Sohn übernahm 1950. In all dieser Zeit konnte
er hautnah miterleben, wie aus dem Land des Café crème das Espressoland
Schweiz wurde. Und lag mit seinem kleinen, aber feinen Sortiment von
Anfang an richtig.
Ferdi Kübler und Viktor Giacobbo
Bei Ferrari braucht man ausschliesslich hochklassige Arabica-Bohnen.
Der Röstprozess mit den Maschinen Baujahr 1895 dauert erheblich länger
als moderne Röstverfahren, da die Temperatur mit dem Kohlenfeuer
höchstens 200 Grad erreicht. Dieser vermeintliche Nachteil ist jedoch
ein Vorteil, denn auf diese schonende Weise wird ein grosser Teil der
Gerbsäure eliminiert. Das ist eigentlich schon das ganze Geheimnis des
besonders milden und bekömmlichen Caffè Ferrari.
Drei aromatische, säurearme Kaffeemischungen röstet Ferrari. Die
Generation Café crème bedient er mit «Grossmutters Käfeli», die
Generation Espresso mit den Röstungen «tipo Milano» (hell) und «tipo
Napoli» (dunkel). Für Restaurateure kreiert Ferrari aus diesen
Basistypen auch Spezialmischungen. Zu welcher Sorte Kaffeetrinker ein
Kunde gehört, merkt der Profi und Menschenkenner meist schnell.
Prominente wie Ferdi Kübler, Kurt Aeschbacher, Viktor Giacobbo und Mike
Müller zählen zu den langjährigen Fans des frisch gerösteten Caffè aus
Dietikon.
Renato Ferrari selbst trinkt zu jeder Tages- und Nachtzeit gerne Kaffee
– im Restaurant bevorzugt er Espresso Napoli, im Büro halb Napoli/halb
Milano und zu Hause aus Testgründen seinen Filterkaffee. Erfreut konnte
er feststellen, dass seit ein paar Jahren der Espresso tipo Milano
vermehrt verlangt wird, meist von einer ganz jungen Kundschaft. Das
bedeutet für ihn: Der Kaffee-Nachwuchs ist da, und er steigt erst mal
mit einer hellen Röstung ein.
Rösten Tag und Nacht
Noch glücklicher macht den 76-Jährigen, dass auch die Zukunft der
kleinen Firma gesichert ist. Neffe Mike Schärer, 32, hat sich als
Geschäftsführer bereits gut eingearbeitet, und der einstige
Bäckergehilfe Ismail Raif wird vom Chef zurzeit in die Kunst des
Röstens eingeführt. Als Nachfolger des treuen Rösters, der während 45
Jahren nie gefehlt hat: «Sogar fieberglühend stand er zuverlässig neben
dem Ofen.»
Als der Röster vor einigen Jahren verstarb, war es für Renato Ferrari
nicht einfach, wieder jemanden zu finden, der sich für den
aussterbenden Beruf begeistert. Mehr als drei Jahre machte er die ganze
Arbeit alleine. Vor Weihnachten, wenn zusätzlich spanische Nüssli
geröstet werden, läuft die Röstanlage tagtäglich, oft auch nachts. Da
muss das Feuer jeweils bewacht werden. Um wach zu bleiben, hat Ferrari
während solcher Nachtschichten Wände, Türen und Förderanlagen farbig
angemalt.
Renato Ferrari geht liebevoll mit dem Naturprodukt Kaffee um: «Ein
Produkt, das niemals genau gleich ist.» Seine Vertrauensleute beliefern
ihn seit Jahrzehnten mit besten Arabica-Bohnen aus dem Hochland
Zentralamerikas und Brasiliens: «Sie wissen genau, was ich will. Für
höchste Qualität bezahle ich auch den entsprechenden Preis, darüber
müssen wir nicht mehr diskutieren.» Er definiert sich ausschliesslich
über die Qualität und nicht über den Preis.
Eine Philosophie, die nicht jedermann versteht. Immerhin kostet das
Kilo Caffè Ferrari seit 15 Jahren gleich viel: Der Abholpreis für die
helle Röstung beträgt 20 Franken, derjenige für die dunkle Röstung
einen Franken mehr, weil diese etwas mehr Zeit braucht. «Die Leute sind
frei, zu entscheiden, ob sie für das Gute ein wenig mehr bezahlen
wollen.» Und das sind nach Ferraris Erfahrung oft Menschen, die nicht
sehr begütert sind, sich aber diesen besonderen Kaffeegenuss leisten.
Lädeli und Rösterei
Wie das Gute entsteht, können Interessierte in Ferraris «lebendem
Museum» sehen. An den Rösttagen ist auch das nostalgische Kafi-Lädeli
von Renato Ferraris Frau Bethli geöffnet. Sie bietet nebst dem Kaffee
ein sehr persönlich ausgesuchtes Sortiment an Glaswaren und
kulinarischen Geschenkartikeln an – von Gewürzen, Tee und Konfitüre bis
Pasta und Tessiner Risottosets samt Rezept. Durch eine Verbindungstüre
gelangt man vom Lädeli direkt in die Rösterei.
Da steht also der Chef in seinem roten Pullover und mit der Tabakpfeife
im Mund neben dem Kühlsieb und ruft bei etwa der fünfundzwanzigsten
Ziehprobe: «Jetzt!» Und dann muss es recht schnell gehen, obwohl
Ferrari sagt, es gebe keine Hast bei seiner Arbeit. Die leicht
rauchenden, gerösteten Bohnen rutschen in einem Schwall von oben ins
Kühlsieb, in dem der Ventilator nun rotiert. Ferrari und sein Assistent
wenden die Bohnen ständig mit der Schaufel, bis sie abgekühlt sind. Mit
Hilfe einer Bürste werden sie in Blechtonnen gewischt und sofort in die
Förderanlage geleert, die sie automatisch kiloweise in die braunen
Papiersäcke abfüllt. Dann verschliesst Beatrice Wahrenberger, eine
Teilzeitmitarbeiterin, jeden Sack von Hand – rund 600 Kilo pro Rösttag.
Ferrari contra Ferrari
Wegen der langsamen Röstung bei tiefer Temperatur verlieren die
Kaffeebohnen nicht nur an Bitterkeit, sondern auch 20 Prozent an
Gewicht: Von rohen 40 Kilo bleiben 32 Kilo geröstete Bohnen übrig.
Dafür gewinnen die Bohnen während des Prozesses einen Drittel an
Volumen: Sie sprengen auf und verlieren dabei die hellen Häutchen.
Ein erheblicher Gewichtsverlust, den sich der kleine Kaffeehändler zu
Gunsten der Qualität leistet. Grosse Kaffeeanbieter erhöhen die
Rösttemperatur und reduzieren die Röstzeit, um weniger Gewichtsverlust
zu erzielen. Doch mit diesen lässt sich Ferrari nicht vergleichen. Er
hat weder ein Marketing- noch ein Werbebudget, sondern setzt seit eh
und je auf individuelle Kundenbetreuung und auf
Mund-zu-Mund-Propaganda. Ausser ihm und seiner Frau sind zwei
Mitarbeiter voll und eine Mitarbeiterin halbtags beschäftigt. Seine
Rechnung geht auf, da sich auch die Mietzinse des alten Gebäudes in
Grenzen halten.
Vor zweieinhalb Jahren sah Renato Ferrari sein Lebenswerk aber in
Gefahr: Obwohl die Firmenlogos sich nicht sehr ähnlich sahen, drohte
der italienische Autohersteller gleichen Namens mit einem teuren
Prozess, falls Ferrari seinen traditionellen Schriftzug nicht umgehend
ändern würde: «Ich dachte, mir zieht es den Boden unter den Füssen
weg.» Es kam zu einem Vergleich. Ferrari-Caffè heisst seitdem Caffè
Ferrari, und neben den Kosten für die neuen Beschriftungen hatte die
kleine Firma auch noch hohe Anwaltskosten zu tragen.
Doch das ist kalter Kaffee. Renato Ferrari denkt positiv. Und obwohl er
in der Vergangenheit vieles erlebt hat, von dem er gerne erzählt,
schaut er lieber in die Zukunft: «Wenn alles gut läuft und die
Gesundheit es erlaubt, stehe ich hier in meiner Rösterei, bis ich
neunzig bin.»
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